Geschichte nacherzählt von Gisela Krämer
Zur Metapher „Glück oder Unglück?“ Oder: Warum vorschnelle Bewertungen uns die Sicht verstellen.
Der chinesische Bauer
Geschichte nacherzählt von Gisela Krämer
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🚀 Jetzt Zugang sichernEin alter chinesischer Bauer lebte mit seinem Sohn in einem kleinen Dorf. Ihr Leben war einfach, die Mittel begrenzt, doch sie besaßen ein kräftiges Pferd, das ihnen bei der Feldarbeit half.
Eines Tages lief das Pferd davon.
Die Nachbarn kamen und beklagten das Unglück:
„Wie schrecklich! Jetzt ist alles verloren.“
Der Bauer antwortete nur:
„Wer weiß das schon?“
Am nächsten Tag kehrte das Pferd zurück – und brachte mehrere Wildpferde mit.
Die Nachbarn jubelten:
„Was für ein Glück! Jetzt bist du reich!“
Der Bauer sagte wieder:
„Wer weiß das schon?“
Der Sohn begann, eines der Wildpferde zu zähmen. Dabei stürzte er und brach sich das Bein.
Die Nachbarn klagten erneut:
„Welch ein Unglück!“
Der Bauer antwortete:
„Wer weiß das schon?“
Kurz darauf zog das Land in den Krieg. Alle jungen Männer wurden eingezogen.
Der Sohn mit dem gebrochenen Bein blieb zu Hause.
Die Nachbarn sagten:
„Was für ein Glück!“
Der Bauer schaute in die Ferne und sagte:
„Wer weiß das schon?“
Zur Metapher „Glück oder Unglück?“
Oder: Warum wir Ereignisse zu früh bewerten.
Diese Geschichte beschreibt keine Gleichgültigkeit, sondern eine bewusste Haltung.
Nicht alles, was geschieht, lässt sich im Moment richtig einordnen.
Die chinesische Bauern-Metapher zeigt das eindrücklich.
Ereignisse entfalten ihre Bedeutung oft erst im Verlauf der Zeit.
Was hier sichtbar wird:
- Bewertungen entstehen aus dem Moment heraus – nicht aus dem Gesamtzusammenhang.
- Dasselbe Ereignis kann Auslöser für Leid oder Entwicklung sein.
- Sicherheit durch schnelle Urteile ist eine Illusion.
- Gelassenheit bedeutet nicht Passivität, sondern Offenheit für Verlauf.
Der Bauer verweigert sich nicht dem Leben.
Er verweigert sich der vorschnellen Bedeutung.
Bedeutung für Mediation, Führung und Kommunikation
In Konflikten geschieht oft genau das.
Ein Ereignis wird sofort als „Fehler“, „Angriff“ oder „Scheitern“ eingeordnet.
Die Metapher markiert hier eine zentrale Grenze:
Nicht jedes Ereignis braucht sofort eine Bewertung.
Nicht jede Eskalation ist ein Rückschritt.
Nicht jede Krise ist ein Beweis des Versagens.
Für die Praxis heißt das:
- Haltung vor Bewertung
- Beobachtung vor Interpretation
- Zeit vor Urteil
Oder anders gesagt:
Wer sofort weiß, was etwas bedeutet, hört auf, wirklich hinzusehen.
Anwendung in Mediation und Coaching
Die Geschichte eignet sich besonders
- bei festgefahrenen Bewertungen
- bei Schuldzuweisungen
- bei Veränderungs- und Umbruchphasen
- bei Führungskonflikten
Typische Leitfrage nach der Geschichte:
„Was wäre, wenn wir heute noch nicht wissen müssen, was das bedeutet?“
Die zentrale Erkenntnis
Die Kunst besteht nicht darin, alles positiv zu sehen.
Sondern darin, Bedeutung offen zu lassen, wo sie noch nicht reif ist.
Nicht jedes Unglück ist eines.
Nicht jedes Glück bleibt Glück.
Und nicht alles muss sofort verstanden werden.
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