Es allen Recht getan, ist eine Kunst, die keiner kann.
Die Fabel ist altorientalisch, nach Nasreddin Hodscha, wird aber auch den Sammlungen der Gebrüder Grimm zugeschrieben.
Geschichte nacherzählt von Gisela Krämer
Ein Vater, der Sohn und das Eselchen waren auf dem Rückweg vom Markt. Der Vater und der Sohn gingen zu Fuß und führten den Esel, auf dessen Rücken die eingekauften Waren geladen waren.
Sie begegneten einem Bauern, der auf Weg neben seinem Acker stand. Er rief ihnen kopfschüttelnd zu: „Warum lasst ihr den Esel so laufen, er kann doch wenigstens einen von euch noch tragen!“
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🚀 Jetzt Zugang sichernAlso stieg der Vater auf. Der Esel beladen mit dem Vater und den Waren, der Sohn hüpfte nebenher, gingen weiter nach Hause.
Sie trafen eine Frau, die vor ihrem Haus den Garten pflegte. Sie schüttelte auch den Kopf und schimpfte laut: „Das ist doch unglaublich. Du Mann mit deinen starken Beinen reitest auf dem Esel und dein Söhnchen muss sehen, wie es hinterher kommt! Das gehört sich doch nicht!“
Also stieg der Vater ab und hob seinen Sohn auf den Esel. Der Esel lief jetzt mit dem Sohn und den Waren auf dem Rücken entlang des Weges und der Vater lief nebenher.
Sie trafen einige Händler, die Richtung Stadt unterwegs waren. Höhnend riefen sie ihnen zu. „Na toll, das Söhnchen ist zu fein zu laufen und der alte Vater muss zu Fuß gehen!“
Gesagt getan, der Vater stieg jetzt ebenfalls auf. Das Eselchen trug die Waren und den Vater und Sohn.
Sie begegneten einem Zimmermann, der auf Wanderschaft war und es sich gerade am Wegesrand gemütlich gemacht hatte. Er staunte, als er die seltsame Gesellschaft sah. „Ihr seid echt nicht ganz gescheit, das arme Tier, das muss alles schleppen, wie lange soll das denn gut gehen?“
So beschlossen die beiden, den Esel zu tragen, sie zogen eine Stange durch die zusammengebundenen Beine, luden sich die Waren auf den Rücken und schleppten das Eselchen des Weges.
Bis sie zu einem Wirtshaus kamen. Alle lachten, wirklich alle. „Warum schleppt ihr Dummköpfe das Eselchen, anstatt es normal am Halfter zu führen und die Waren tragen zu lassen?“
Der Vater und der Sohn waren an diesem Tag froh, als sie zu Hause ankamen. „Wir haben den Esel geführt, der Sohn ist geritten, der Vater ist geritten, wir beide sind geritten, sogar getragen haben wir den Esel. Wir haben alles versucht, um es den Leuten recht zu machen. Ich glaube, das ist eine Kunst, die niemand kann.“
Zur Metapher „Es allen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann“ Oder Was man auch Gutes tut, es tut der Welt nicht immer gut.
Diese Metapher beschreibt keine Schwäche, sondern eine menschliche Konstante:
Soziale Wirklichkeit entsteht im Blick der anderen – und diese Blicke widersprechen sich.
Die Geschichte von Vater, Sohn und Esel zeigt das präzise:
Jede Entscheidung wirkt für jemanden falsch.
Nicht, weil sie falsch ist, sondern weil sie aus unterschiedlichen Perspektiven beurteilt wird.
Was hier sichtbar wird:
- Bewertung entsteht immer außerhalb der eigenen Absicht.
Der Vater und der Sohn handeln jeweils vernünftig – und werden trotzdem kritisiert. - Richtig und falsch sind kontextabhängig.
Dasselbe Verhalten gilt einmal als verantwortungsvoll, einmal als herzlos, einmal als töricht. - Anpassung an Erwartungen führt nicht zu Anerkennung, sondern zu Erschöpfung.
Je mehr versucht wird, es allen recht zu machen, desto größer wird die Verwirrung – und am Ende der Spott.
Die Metapher markiert damit eine Grenze:
Nicht jede Kritik ist ein Hinweis.
Nicht jede Meinung verdient Orientierungskraft.
Für Mediation, Führung und Kommunikation heißt das:
- Haltung ersetzt Gefälligkeit.
- Klarheit ersetzt Rechtfertigung.
- Verantwortung heißt nicht, Zustimmung zu organisieren, sondern Entscheidungen tragfähig zu machen.
Oder anders gesagt:
Wer versucht, niemanden zu enttäuschen, verliert am Ende sich selbst – und oft auch das Ziel.
Die Kunst besteht also nicht darin, es allen recht zu machen.
Sondern darin, zu wissen, wofür man steht, wenn es jemandem nicht recht ist.
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