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Das Eisberg-Modell für die Arbeit mit Kindern

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Immer wenn meine Tochter aus der Schule kommt, frage ich sie bewusst nach ihrem Tag. Und sehr oft – nein das ist untertrieben – fast immer höre ich als Antwort: „Super!“ Kurz und knackig. Sie sagt das so entschlossen und mit fester Stimme, dass mich genau ihre Art wie sie dieses Wort „Super!“ herausruft darüber hinwegtröstet erst mal keine weiteren Informationen über ihren Tag zu erhalten.
Neulich kam alles anders. Meine Tochter setzte kaum den ersten Fuß in unseren Flur – da sprudelte es aus ihr heraus. Sie schien sichtlich aufgeregt und verärgert zu sein. „Mama, Mama – stell dir vor!“ rief sie. Und dann sprudelte es aus ihr heraus, was passiert ist, was sie gedacht hat, was sie so empört hat…. Und mir wurde bewusst, dass ich gar nicht so viel steuern muss, sondern das Angebot meinerseits da ist, sie kommt schon, wenn sie es für notwendig hält.
Gerade diese Gelegenheiten sind perfekt, um auf spielerische Art und Weise das Thema Ärger anzusprechen.

Wie gehen Kinder mit Ärger um?

Haben Sie schon mal auf dem Spielplatz Kinder beobachtet, wie sie streiten? Oft gehen Kinder wenig zimperlich um mit ihren Streitpartnern. Da wird mit der Schaufel gehauen, geschubst, mit Sand geworfen, gezerrt, geschrien und geweint. Als Mutter erwische ich mich selbst oft, wie ich überlege, ob ich nun eingreifen soll oder schlichten sollte oder sie einfach machen lasse oder oder oder.
In welcher Form auch immer ich eingreife – ich nehme meinen Kindern, die Chance Konflikte lösen zu lernen. Aber wo ist die Grenze zu erkennen, ob das Kind es allein schaffen wird oder eben nicht? Wo muss ich schützen, wo Freiraum geben?
Was kann ich also tun, um ihnen „Handwerkzeug“ mitzugeben in der Kommunikation mit sich selbst und anderen?

Kommunikation geht alle an, ob klein oder groß.

Das Üben können unsere Kinder auch schon im Kindergarten oder in der Schule starten. Warum bis zum Führungskräfte/Mitarbeiter-Coaching warten?
Im folgenden starte ich mit dem Eisberg-Modell. Es bildet die Grundlage für das Verständnis von Ärger.

Warum ärgere ich mich? 

Vorgehensweise Schritt 1

1. Schaffen Sie eine Wohlfühlumgebung – diese fängt bereits damit an, dass sie die Kinder in einer entspannten Situation „ganz nebenbei“ fragen „Was macht ihr eigentlich, wenn ihr euch ärgert?“. Die Antworten werden voraussichtlich sehr vielfältig ausfallen – jede Persönlichkeit hat je nach Alter ihre eigenen Verhaltensmuster. Das ist auch gut so. So lernen wir voneinander. Das, was wir gut finden, das übernehmen wir. Das, was wir weniger gut finden, lassen wir eher sein. Sie werden auf jeden Fall staunen über die kreativen Methoden der Kinder mit Ärger umzugehen. Versprochen.
TIPP: Fragen sie die Kinder, ob es okay ist, wenn Sie oder die Kinder selbst ihre Methode mit Ärger umzugehen aufschreiben. Dies kann auf separaten Blättern erfolgen oder zusammen auf ein Plakat. Wichtig ist, dass Sie dem Wunsch der Kinder nachkommen und die Methoden im Idealfall schriftlich fixiert sind. Diese werden später wieder benötigt. Eine Pinnwand oder kleine Papierwand zum Anhängen und Bilder dazu suchen wäre ein wandelbares Projekt und kommt der Konzentration der Kinder entgegen. Sie können so das Thema immer wieder aufgreifen.

Vorgehensweise Schritt 2

2. Erfragen Sie das vorhandene Wissen der Kinder über Eisberge. Je nach Alter haben Kinder eine genaue Vorstellung wie ein Eisberg aussieht. Jüngere Kinder sehen einen Eisberg auf dem Wasser stehen wie eine steile Insel. Ältere Kinder wissen eventuell schon, dass er sehr viel größer unter Wasser ist als an der Wasseroberfläche sichtbar. Ergänzen Sie auch. Malen Sie mit den Kindern Stück für Stück gemeinsam einen Eisberg auf ein großes Plakat und lassen Sie sie herausfinden, welches Geheimnis er wohl verbirgt. Geheimnisse wecken Neugier. Große Neugier. Unterstützen Sie sie zu verstehen, warum ein Eisberg nur seine Spitze zeigt und einen riesengroßen Teil unter Wasser versteckt. Denn das macht er nicht absichtlich – sein Eis ist in der Masse schwerer als das Wasser. Darum kann es zu Zusammenstößen zwischen Eisbergen kommen, obwohl ihre Spitzen weit auseinander liegen. Bedenken Sie die „wahre“ Größe eines Eisbergs.

Vorgehensweise Schritt 3 Metapher

3. Im folgenden Schritt erzählen Sie eine Geschichte über zwei Eisberge und wie der Ärger entstehen kann. Ich habe sie abgeleitet aus einer Zen-Geschichte (hier geht es zum Original: http://mymonk.de/zorn-loslassen/ ) und für dieses Projekt angepasst. Setzen Sie sich mit den Kindern hin und lesen Sie die Geschichte vor.
„Ein kleiner Eisberg fragte seinen großen Eisberg, wie er besser mit seinem Ärger umgehen könne.
Der große Eisberg antwortete:
„Stell Dir vor, es ist ein nebliger Tag. Du bist allein auf dem Nordatlantik vor Grönland. Der Nebel ist so stark, dass du kaum etwas erkennen kannst. Plötzlich taucht vor dir ein anderer Eisberg auf und kommt direkt auf dich zu.
Du wirst zornig und wütend. Du denkst: Na sowas doofes – ich bin doch ein kleiner Eisberg und kann einem Aufprall kaum … da kracht es schon und du hörst genau – ganz genau wie deine Eismassen vibrieren und knacken. Großer Ärger steigt in dir auf!
Dann schaust du genauer hin und siehst: der andere Eisberg ist das Festland von Grönland. Da ist kein anderer Eisberg. Niemand, der dich absichtlich gerammt hat.
Dein Ärger verfliegt. Du seufzt und denkst: ach was soll’s. Dann muss ich wohl noch mal navigieren üben, dass mir das nicht wieder passiert.
Die Sache ist damit für dich gelaufen.“
Der große Eisberg fuhr fort:
„So ist es mit allem im Leben und mit allen Menschen, denen du begegnest. Es ist als würden wir von einem anderen Eisberg gerammt werden.“
Der kleine Eisberg sagte:
„Hmm, da ist was dran. Aber selbst, wenn ich sehe, dass der scheinbare Eisberg gar kein Eisberg ist, sondern Festland, werde ich die ganze Welt verfluchen und mir vorstellen, es sei ein Eisberg, der mich absichtlich schaden will. „
Da antwortete der Meister:
„Wohl wahr. So ticken wir Menschen. Doch je mehr wir üben, umso leichter können wir uns beruhigen und sehen, wie lächerlich und nutzlos es doch ist, am Ärger festzuhalten. Schuld ist immer der andere vermutete Eisberg.“
Ende.“

Erklärung:

Das Geheimnis besteht darin, zu erkennen, dass jeder von uns wie ein Eisberg auf dem Wasser schippert. Zusammenstöße sind dabei sehr oft ungewollt – von beiden Seiten. Jeder ist doch darauf bedacht heile zu bleiben. Der Ärger kommt dann hoch, wenn man sich schützen will. Und so geht es auch deinem Streitpartner. Auch er hat einen Eisberg und will ihn schützen. Wie wäre es in so einer verzwickten Lage tief durchzuatmen und dem anderen zu sagen, was man da gerade schützen will. Und ihn fragt: „Was beschützt du gerade? Was wünscht du dir?“. Ein Eisberg zeigt nur eine kleine Spitze. Seine wahre Größe versteckt er unter dem Wasser. Eure wahre Größe kennt nur ihr selbst. Sobald ihr einen Teil davon dem anderen zeigt, helft ihr ihm euch besser zu verstehen.

Vorgehensweise Schritt 4

4. Erinnern Sie die Kinder an den kleinen Eisberg und seinen großen Ärger. Was ist ihnen im Gedächtnis geblieben? Was haben sie verstanden? Was ist unklar geblieben? Nun können Sie den Vergleich „Wir sind auch wie kleine Eisberge.“ ziehen. Manchmal stoßen wir ungewollt zusammen, weil jeder von uns einen großen Berg voller Ideen, Wünsche und Gefühle hat. Den Berg können wir nur nicht sehen, der ist in uns versteckt. Wir spüren nur, wenn wir mit anderen Ideen, Wünschen und Gefühlen zusammenstoßen. Unterbreiten Sie den Vorschlag, dass jedes Kind mit seinem Eisberg den anderen zeigt, was ihm wichtig ist. Ermöglichen Sie den Kindern sich auf kreative Weise sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Stellen Sie sich vor jedes Kind malt oder bastelt seinen eigenen Eisberg. Oben auf der Spitze können sie ihren Namen schreiben, ihr Alter usw. Also Inhalte, die eindeutig sind und unumstritten. In dem Teil des Eisbergs, der unter Wasser ist, können sie all das malen und hinein kleben, was ihnen wichtig ist und was auch andere nicht gleich sehen oder wissen können:
  • Ihre Wünsche
  • Was sie besonders gerne spielen
  • Was sie gar nicht mögen
  • Ihr Lieblingsessen
  • Warum sie manchmal traurig sind
  • Worüber sie gerne lachen u.s.w.
Nun können Sie mit den Kindern und ihren kleinen Eisbergen typische Streit-Beispiele besprechen und hinterfragen. Im Idealfall entwickeln Sie mit Ihnen

Verhaltensregeln beim Streiten.

  • Welches Bedürfnis steckte hinter dem Ärger? Also warum ärgere ich mich gerade ganz doll?
  • Verhalten sie sich manchmal auch so, dass sie sich plötzlich ganz arg ärgern und gar nicht genau wissen, warum?
  • Wäre es zu einem Streit gekommen, wenn beide Streitparteien gewusst hätten, was jeder vom anderen will?
  • Wie möchten wir streiten? Wie wollen wir behandelt werden beim streiten? Wollen wir gemeinsam Regeln aufstellen?

Festlicher Abschluss

In einer kleinen feierlichen Vernissage werden alle Kunstwerke ausgestellt – ggf. auch vorgestellt von den kleinen Künstlern. Sie erschaffen einen Raum der Vielfalt – einen Raum, der Verständnis für sich und den anderen kommuniziert in Form vieler kleiner Eisberge. Es wird keinen Eisberg doppelt geben. Denn wir sind ja auch einzigartig. Und genau diese Einzigartigkeit macht uns so besonders. denn wir zeigen die Einzigartigkeit ja nur Menschen, denen wir vertrauen. Alle anderen sehen nur das, was wir ihnen zeigen wollen. Das kann dann dazu führen, dass wir den anderen nicht sofort verstehen und denken, er will wohl nur was schlechtes.
Eingereicht und entwickelt von Katja Jungmann www.loesungsblicke.de und www.pfeos.de
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