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Lösungsräume erweitern und neue Kombinationen entwickeln

Der Morphologische Kasten ist eine Kreativ- und Strukturierungsmethode für komplexe Fragestellungen. Statt sofort nach der einen richtigen Lösung zu suchen, wird ein Problem zunächst in mehrere Teilbereiche oder Entscheidungsdimensionen zerlegt. Für jeden Bereich werden unterschiedliche Möglichkeiten gesammelt und anschließend neu miteinander kombiniert.

Gerade in Mediation, Coaching, Teamarbeit und Veränderungsprozessen ist das hilfreich, wenn sich Beteiligte auf wenige bekannte Lösungen festgelegt haben oder zwei Positionen scheinbar unvereinbar gegenüberstehen.

Aus „Entweder wir machen es so oder so“ entsteht ein größerer Lösungsraum.

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Ziel der Methode

Der Morphologische Kasten hilft dabei,

  • festgefahrene Lösungsvorstellungen zu erweitern
  • komplexe Probleme überschaubar zu machen
  • unterschiedliche Interessen in die Lösungsentwicklung einzubeziehen
  • neue Kombinationen zu entdecken
  • ungewöhnliche Ideen zu entwickeln
  • mehrere Lösungsvarianten miteinander zu vergleichen

Gruppengröße

Einzelarbeit sowie kleine und größere Gruppen. In Mediationen eignet sich die Methode besonders für zwei oder mehrere Konfliktparteien, die gemeinsam nach einer tragfähigen Lösung suchen.

Dauer

Ca. 30 bis 60 Minuten. Bei einfachen Fragestellungen kann die Methode auch deutlich kürzer eingesetzt werden.

Material

  • Flipchart, Pinnwand oder großes Papier
  • Moderationskarten
  • Stifte

Online kann der Morphologische Kasten auf einem digitalen Whiteboard angelegt werden.

Vorbereitung: Eine konkrete Fragestellung wählen

Am Anfang steht eine möglichst konkrete Frage.

Zum Beispiel: „Wie wollen wir die Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Abteilungen künftig organisieren?“

Weitere mögliche Fragestellungen:

  • Wie können wir die Aufgaben im Team künftig verteilen?
  • Wie gestalten wir die Übergabe eines Verantwortungsbereichs?
  • Wie organisieren wir die Kommunikation zwischen zwei Standorten?
  • Wie kann eine Betreuungsregelung aussehen?
  • Wie wollen wir Entscheidungen künftig treffen?
  • Wie kann ein gemeinsames Projekt trotz unterschiedlicher Interessen weitergeführt werden?

Die Fragestellung sollte so konkret sein, dass sich einzelne Bestandteile identifizieren lassen, gleichzeitig aber noch verschiedene Lösungen zulassen.

Ablauf

1. Die Fragestellung in Dimensionen zerlegen

Gemeinsam wird überlegt, aus welchen Bereichen die spätere Lösung bestehen muss.

Für die Frage „Wie wollen wir die Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Abteilungen künftig organisieren?“ könnten beispielsweise folgende Dimensionen entstehen:

  • Abstimmung
  • Verantwortung
  • Informationsweitergabe
  • Entscheidungen

Diese Dimensionen bilden die linke Spalte des Morphologischen Kastens.

2. Möglichkeiten für jede Dimension sammeln

Nun werden für jede Dimension unterschiedliche Varianten gesucht.

In dieser Phase wird noch nicht entschieden, welche Möglichkeit die beste ist.

DimensionMöglichkeit 1Möglichkeit 2Möglichkeit 3Möglichkeit 4
Abstimmungwöchentlichzweiwöchentlichbei Bedarffeste Meilensteine
Verantwortunggemeinsamklar getrenntwechselndnach Fachgebiet
InformationMeetingdigitales BoardE-Mail-Updatekurze Übergabe
EntscheidungenKonsensZuständigkeitMehrheitsentscheidungRücksprache mit Leitung

Bereits beim Füllen des Kastens entstehen häufig Möglichkeiten, die vorher im Gespräch noch nicht vorkamen.

3. Kombinationen bilden

Jetzt werden einzelne Möglichkeiten aus den verschiedenen Zeilen miteinander verbunden.

Eine Variante könnte beispielsweise lauten:

Wöchentliche Abstimmung + Verantwortung nach Fachgebiet + digitales Board + Entscheidungen nach Zuständigkeit

Eine andere:

Abstimmung an festen Meilensteinen + gemeinsame Verantwortung + kurze Übergaben + Konsens bei wichtigen Entscheidungen

So entstehen vollständige Lösungsmodelle aus einzelnen Bausteinen.

Gerade bei festgefahrenen Konflikten ist dieser Schritt interessant. Die Beteiligten müssen nicht mehr zwischen zwei fertigen Gesamtvorschlägen wählen. Einzelne Elemente können neu zusammengesetzt werden.

4. Ungewöhnliche Kombinationen ausprobieren

Es lohnt sich, nicht ausschließlich die naheliegenden Varianten zusammenzustellen.

Eine Kombination kann zunächst ungewöhnlich wirken und trotzdem einen interessanten Gedanken auslösen.

Mögliche Fragen:

  • Welche Kombination haben wir bisher noch gar nicht betrachtet?
  • Was würde passieren, wenn wir diese beiden Möglichkeiten miteinander verbinden?
  • Welche Variante überrascht uns?
  • Was wäre möglich, wenn wir eine bisher gesetzte Annahme verändern?

Hier beginnt der eigentliche kreative Teil des Morphologischen Kastens.

5. Kombinationen prüfen

Erst jetzt werden die entstandenen Varianten bewertet.

Mögliche Fragen:

  • Welche Kombination berücksichtigt die Interessen der Beteiligten am besten?
  • Was wäre im Alltag tatsächlich umsetzbar?
  • Welche Auswirkungen hätte diese Variante?
  • Wo sehen wir Schwierigkeiten?
  • Welche Elemente möchten wir übernehmen?
  • Was müsste noch verändert werden?

Eine Lösung muss dabei nicht vollständig aus einer einzigen Kombination übernommen werden. Häufig entsteht eine tragfähige Variante aus mehreren Entwürfen.

Einsatz in der Mediation

In Konflikten liegen häufig bereits Lösungsvorschläge auf dem Tisch. Eine Partei möchte A, die andere möchte B. Das Gespräch konzentriert sich zunehmend darauf, welche dieser beiden Lösungen sich durchsetzt.

Der Morphologische Kasten öffnet diese Situation wieder. Die bisherigen Vorschläge werden in einzelne Bestandteile zerlegt. Dadurch wird sichtbar, an welchen Stellen tatsächlich unterschiedliche Interessen bestehen und wo verschiedene Elemente miteinander verbunden werden können.

Aus zwei konkurrierenden Gesamtpaketen können zahlreiche neue Varianten entstehen.

Die Methode eignet sich deshalb besonders für die Phase der Lösungsentwicklung, wenn Interessen und Bedürfnisse bereits ausreichend geklärt sind.

Rolle der Mediator:innen oder Moderator:innen

Die Leitung unterstützt zunächst dabei, geeignete Dimensionen zu finden und darauf zu achten, dass nicht zu früh bewertet wird.

Hilfreiche Fragen sind:

  • Aus welchen Bestandteilen müsste eine gute Lösung bestehen?
  • Welche Möglichkeiten gibt es für diesen einzelnen Bereich?
  • Welche Variante fehlt noch?
  • Was könnten wir miteinander kombinieren?
  • Welche Kombination berücksichtigt möglichst viele der genannten Interessen?

Die Lösungen selbst entstehen bei den Beteiligten.

Praxistipp

Der Morphologische Kasten funktioniert besonders gut, wenn die Gruppe zunächst konsequent zwischen Sammeln und Bewerten unterscheidet.

Wer jede Idee sofort auf ihre Umsetzbarkeit prüft, landet schnell wieder bei den bereits bekannten Lösungen.

Erst Möglichkeiten sammeln und kombinieren. Danach prüfen.

Gerade ungewöhnliche Kombinationen müssen am Ende nicht die Lösung werden. Manchmal reicht ein einzelner Bestandteil daraus, um einen festgefahrenen Lösungsprozess wieder in Bewegung zu bringen.

Kurzform

Fragestellung klären → Dimensionen bestimmen → Möglichkeiten sammeln → neu kombinieren → Varianten prüfen

Der Morphologische Kasten erweitert systematisch den Lösungsraum und hilft, aus einem scheinbaren Entweder-oder wieder mehrere verhandelbare Möglichkeiten zu machen.

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